future hybrid experience

Postdigitale Konditionen, Immersive Erfahrungen, Hybride Räume.

Das Medium des künstlerischen Ausdrucks ist (…) fast gleichgültig geworden, es geht in der Hauptsache um die künstlerische Aussage selbst. Das ist ein Erfolg des postmodernen Zustands der Medien.1 Peter Weibel, Postmediale Kondition, 2005

Die “Neuen Medien” sind längst nicht mehr neu. Begriffe wie Post-Media oder Post-Digital gehen gar auf Distanz zu diesem Attribut2. Die Unterscheidung zwischen “alten” und “neuen” Medien steht heute nicht mehr im Zentrum der Debatte und folgt auf analog auch nicht unbedingt digital.3
Geht es bei Weibel 2005 noch darum, dass “dieses Mischen der Medien zu außerordentlich großen Innovationen in den jeweiligen (Anm.: alten wie neuen) Medien und in der Kunst (führt)”, so sind Hybridformen und interdisziplinäre Zugänge heute gängige Praxis.

Der Begriff des Post-Digitalen ermöglicht eine Anpassung von Kategorien und Schwerpunkten und schafft damit Raum.4 Gesellschaftspolitische Aspekte, die Frage nach dem Menschlichen – in Stellung gebracht zur immer rasanteren Weiterentwicklung digitaler Technologien – rücken in den Vordergrund. Wie können wir künstlerisch und ethisch mit künstlicher Intelligenz umgehen und wie können wir selbst deren Entwicklung (positiv) beeinflussen?
Wie wichtig ist etwa das Bewusstsein darüber, dass künstliche Intelligenz als Technologie nicht per se neutral agiert, sondern, je nach Input, mit dem wir selbst sie ausstatten und trainieren, schnell Vorurteile entwickelt, wie die Künstlerin Margarete Jahrmann und der Neurowissenschaftler Stefan Glasauer in ihrer Arbeit “I want to see monkeys” feststellen?
Was passiert, wenn wir eine Künstliche Intelligenz vermenschlicht und als unser “Baby” betrachten, das wir zum eigenständigen Mitglied unseres künstlerischen Kollektivs erziehen, wie Holly Herndon es mit Spawn vorzeigt – einer KI, die die Sängerin mit ihrer eigenen Stimme füttert und aufzieht?
Wie können wir in Auseinandersetzung mit derartigen Potentialen auch zu einer neuen Ästhetik, zu neuen künstlerischen und vor allem menschlichen und gesellschaftlichen Fragestellungen kommen?

Virtual Reality gepaart mit analogen und medienübergreifenden Referenzen ermöglicht das Schaffen hybrider Räume und ​Experiences​. Nicht des Digitalen willens, sondern ​durch​ das Digitale, ​nach dem Digitalen5 werden surreale Welten generiert, die dem Hybriden und Vielschichtigen unserer Realität gar nicht so fern sind, wie etwa in ​Depart’s VR Installation ​”The Lacuna Shifts”​. Ist eine ‘Skulptur’, ein in sich geschlossenes – von Künstler*innen geschaffenes – Konstrukt, oder kann sie sich interaktiv, erst im Augenblick des Betrachtens modular und individuell aufbauen und damit auf Einflüsse von außen reagieren? Kann Malerei als Prozess begriffen werden, der sich auch in der Wahrnehmung ins Räumliche und Zeitliche ausdehnt und damit eine neue Form der Erzählung erlaubt, die andererseits nicht eindeutig aus der Tradition des Filmes kommt? (​Banz&Bowinkel​)

Das Hybride wird zur Form, in der sich die aktuelle Welt eher spiegelt als im Eindeutigen.
Algorithmen und Künstliche Intelligenz gepaart mit (kunst)historischen Referenzen lassen uns aktuelle digitale Prozesse möglicherweise ebenso besser verstehen wie die Geschichte selbst, wie in Anna Ridler’s ​”Mosaic Virus”​.
In ​Moreshin Allahyari’s Arbeit ​”Material Speculation: ISIS”​ ​wird das Digitale zum Tool für Widerstand gegen reale Zerstörung und damit zur Möglichkeit, in den Verlauf der Geschichte einzugreifen.​ Ist ein Artefakt, das zerstört wurde und nunmehr digital in der Virtuellen Realität betrachtet und erlebt werden kann, weniger real?

Diese und viele weitere Fragen zu Kunst&Technologie, zu immersiven künstlerischen Aussagen, post-digitalen Tendenzen und zur Zukunft unserer  Gesellschaft stellen wir künftig an dieser Stelle.

 

SAFE THE DATE:
Donnerstag, 16.1.2020: Konferenz “Navigieren im Post-Digitalen”, mehr Infos in Kürze

 

Text: Eva Fischer
(Stand: 5.11.2019)

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1 ​Peter Weibel, ​Postmediale Kondition/Condición postmedia​, in: https://www.museum-joanneum.at/neue-galerie-graz/ausstellungen/ausstellungen/events/event/1893/postmediale-kondition-co ndicion-postmedia​ (Stand: 8.8.2019)

2 vgl. Florian Cramer, ​Nach dem Koitus oder nach dem Tod? Zur Begriffsverwirrung von „Postdigital“, „Post-Internet“ und „Post-Media“​, in: KUNSTFORUM, postdigital 1, Bd. 242, Sept – Okt 2016, S. 57.

3 vgl. Franz Thalmaier. Allgegenwart und Unsichtbarkeit eines Phänomens, in: KUNSTFORUM, postdigital 1, Bd. 242, Sept – Okt 2016, S. 39.

4 vgl. Katja Kwastek,​ Postdigitale Kunst als Kritik binären Denkens, in: KUNSTFORUM, postdigital 1, Bd. 242, Sept – Okt 2016, S. 69ff. : “Postdigitale Kunst macht die zunehmende Verschmelzung digitaler Technologien mit der alltäglichen Umwelt zum Thema, um sie möglicherweise, aber nicht zwingend, kritisch zu reflektieren. (…) Die (Rück-)Übersetzung ins Materielle kann ein effektvolles Mittel der Reflexion der zunehmenden Allgegenwart digitaler Technologien und der komplexen Natur digitaler Bilder und Kommunikationsprozesse sein.”

5 vgl. ​Ryan Bishop​,​ ​Kristoffer Gansing​ und​ ​Jussi Parikka​, ​Hindurch und darüber hinaus: Postdigitale Praktiken, Konzepte und Institutionen​, in: https://transmediale.de/de/content/hindurch-und-dar-ber-hinaus-postdigitale-praktiken-konzepte-und-institutionen​ (Stand: 8.8.2019)

 

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